Die übliche Geschichte

Es waren einmal zwei schöne Menschen. Kaum dass sie sich sahen, verliebten sie sich ineinander. Beide sahen den anderen im schönsten Licht, und sie waren sehr glücklich, einander gefunden zu haben. So war es überhaupt keine Frage, dass sie beschlossen eine Beziehung zu führen. Er fand heraus, dass ihr Pünktlichkeit sehr wichtig war, und so kaufte er sich eine Uhr. Denn er arbeitete oft so viel, dass er dabei die Zeit vergaß. Doch er wollte einfach nicht, dass sie auf ihn warten musste.

Sie fand heraus, dass er die Farbe grün nicht mochte. Sie liebte zwar Grün, aber sie wollte vor allem ihm gefallen. Deshalb sortierte sie ihre grünen Kleider aus und versteckte sie hinten im Schrank. Beide gaben sich alle Mühe, dem anderen zu gefallen, damit er glücklich wäre. Sie lernten auch sehr viel voneinander. Sie war sehr sozial und kannte viele Leute, ging gerne auf Partys, in Urlaub, auf Ausstellungen, ins Theater und zu Freunden zu Besuch.

Er war zu Beginn der Beziehung im Kontakt mit fremden Menschen eher ein wenig scheu. Daher tat es ihm gut, dass seine Freundin ihn unter Menschen brachte. Neben ihr lernte er, leichter mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Er war eher jemand, der gerne abends am offenen Kaminfeuer saß und über Gott und die Welt philosophierte. So lernte sie viel über die Philosophie der Buddhisten und die abendländischen Philosophen. Sie lernte mit ihm zu meditieren, und ihr Horizont erweiterte sich dadurch sehr. Sie verstand nun ein bischen mehr, warum das eine so und das andere anders läuft.

So verging es einige Zeit. Dann kam ein besonderer Tag. Sie war gerade einkaufen, als sie an einem Geschäft vorbeikam und ein wunderschönes grünes Kleid im Schaufenster sah. Als sie es an hatte und in den Spiegel schaute, war es so, dass sich das Blau ihrer Augen durch das grüne Kleid in ein warmes Türkis verwandelten. Und innerlich spürte sie, dass dies das schönste Kleid war, welches sie jemals getragen hatte. Daher kaufte sie es.

Er saß an diesem Tag gerade am Computer und war dabei ein sehr schweres Problem zu lösen. Ihm war klar, dass er es heute hinbekommen könnte, und dass es keinen Sinn machte, morgen wieder von Neuem damit zu beginnen. Aus diesem Grund legte er die Uhr beiseite, und arbeitet so lange bis er fertig mit seiner Arbeit war. Und er schaffte es tatsächlich diese schwierige Aufgabe zu lösen. Als er dann auf die Uhr schaute, bemerkte er, dass er zwei Stunden zu spät zu ihrer Verabredung kommen würde. Er beeilte sich. Sie wartete zu Hause auf ihn, und weil ihr langweilig war probierte sie ihr neues Kleid noch einmal an. Ihr gefiel es einfach so gut, dass sie es ein wenig tragen mochte, und wie es die Geschichte will, vergaß sie völlig, dass sie das Kleid trug, als ihr Freund an der Tür klingelte. Sie öffnete ihm die Türe. Beide sahen einander an. Er war verärgert über seine eigene Nachlässigkeit gewesen, doch jetzt sah er nur das grüne Kleid, das nun all seinen Unmut auf sich zog. Sie bemerkte die Zeichen seiner Verstimmung, doch fand sie mehr als unangemessen: schließlich war er es doch, der zwei Stunden zu spät kam. An diesem Punkt der Geschichte entfährt beiden der gleiche Satz: „Du bist nicht derjenige, in den ich mich verliebt habe!“